Über Performance, eine indischen Muse und drei Bademäntel
Interview mit Daniela Lipka

 

Daniela, du bist die Initiatorin von „Literatur an anderen Orten“. Gibt’s dazu eine Anekdote?
Mir kam die Idee im Mai 2006 beim Duschen in einem baufälligen Haus in der Semperstraße. Noch im Bademantel hab ich den Schriftsteller Florian Illichmann angerufen, der ums Eck gewohnt hat und ihn gefragt, ob er mitmachen will. Gemeinsam mit Georg Pruscha haben wir „Literatur an anderen Orten“ im Beisl „Elisabeth“beim Währinger Park aus der Taufe gehoben. Alle drei haben wir unsere Bademäntel angehabt. Die Idee ist im Badezimmer gekommen, also schien uns das als angemessene Kleidung. Georg hat den Verein frühzeitig verlassen. Als Hartmut bei uns eingestiegen ist, ging es los!

Ihr betreibt Feldforschung, bevor ihr eure Texte schreibt. Was habt Ihr am „Friedhof der Namenlosen“ erlebt?
Wir waren oft nachts draußen und haben die Atmosphäre auf uns einwirken lassen. Wir hatten Begegnungen mit Swingern, die ihre Autos neben dem Friedhof parkten für Gruppensex. Sie ließen sich von unseren Proben nicht stören. Dann trafen wir zwei Jugendliche, die uns ein Stück des Weges begleiteten und sich im Anschluss höflich verabschiedeten. Zehn Minuten später ist ein Polizeiwagen vorgefahren. Die Polizei war auf der Suche nach zwei Jungs. Diese hätten angeblich in ein Sportgeschäft eingebrochen. Ein andernmal sahen wir im Wald der Toten ein Pärchen. Der Mann hat mit einem Spaten nach Knochen gegraben und die Freundin hat ihm mit der Lampe assistiert. Wir selbst trugen schwarze Umhänge und hatten Sensen in den Händen  (als Probe für unsere Sensenperformance). Niemand hat sich daran gestoßen. Die Menschen, die sich nachts am „Friedhof der Namenlosen“ herumtreiben, zeichnen sich durch große Toleranz aus. Möglicherweise sind diese Menschen nicht echt und es handelt sich um Geister.

Welche Texte sind dabei entstanden?
In meinem Fall ist es „Lady Danube“:  Eine untote Frau, die nachts aus dem Wasser steigt und sich Männern anbietet. Aber eigentlich liebt sie nur den Kapitän, der vor langer Zeit mal vorbeigefahren ist. Sie mordet, weil es das Einzige ist, was sie von ihrem Kummer ablenkt. Der Text ist als Audiofile unter „Was bleibt“ zu finden.

Zu Euren Geschichten veranstaltet ihr am Ort Performances. Wie hat das bei „Lady Danube“ ausgesehen?
Ich muss meine Performance immer so ausrichten, dass ich dem Publikum nicht zu nahe komme. Joachim Butz, ein Tonkünstler, unterstützt mich dabei. Ich hab eine Heidenangst vor Menschenansammlungen. Als Schutzwall wollte ich mein Auto verwendet. Daraus hat sich folgende Szene entwickelt: Das Publikum ist in der Dunkelheit am leeren Parkplatz am „Friedhof der Namenlosen“ gestanden und ich, als Lady Danube bin mit meinem unbeleuchteten Auto langsam auf die Menschen zugefahren. Ich habe die Scheinwerfer eingeschaltet und das Autoradio voll aufgedreht. Aus den Lautsprechern ist meine Stimme gekommen. Man hat mich nur schemenhaft gesehen. Das Publikum war im Lichtkegel. Es entsteht eine seltsame Form von Unbehagen, wenn du im Dunkeln bist und plötzlich wirst du von einer Lichtquelle geblendet. Aus meiner Phobie vor den Menschen und dem Versuch eine Lösung zu finden, hat sich ein ganz brauchbares Horrorelement entwickelt. Durch meine eigene Angst hat sich Lady Danube materialisiert.

Welche Autoren beeinflussen dein Schreiben/deine Performance?
Ich mag den tiefschwarzen Humor in den Geschichten von T.C. Boyle und die fantastischen Gedankenwelten von Ray Bradbury. Yoko Ono ist ein Vorbild. Sie hat mich sehr inspiriert. Gerne würde ich ein bisschen schwindeln und an dieser Stelle behaupten: Ja, das Buch „Grapefruit“ ist von mir. Aber leider ist es von Yoko. Auch Laurie Anderson gehört zu meinen Favorits.

Eine Landschaft für „Literatur an anderen Orten“  war der Fertighauspark „Blaue Lagune“ bei der SCS/Wien Vösendorf. Welche Geschichten erzählt dieser?
Jeden Samstag sind viele junge Familien dort. Sie besichtigen Häuser, die als „Wohnträume“ angepriesen werden. Es werden spirituelle Werte wie Liebe und Lebensglück zum Kauf angeboten. In Form von Baustoffen. Ein Fischteich am Areal der Fertighäuser ist namensgebend: Blaue Lagune. War das nicht mal ein Teenie-Film? Sehnsucht, Liebe, Hoffnung. Der Fertighauspark in der SCS ist eine Art heiliger Schrein. Die Leute gehen mit ihren persönlichen Anliegen hinein und kommen mit einem Kredit wieder hinaus. Das war der Ausgangspunkt unserer Geschichten und Performances.

Ihr habt eine Muse, und in ünüblicher Weise eine männliche. Wozu?
Unsere Muse Sony stärkt uns mental. Er macht sich auf irdische und im Fall der Fälle auch mal auf überirdische Weise bei der Inszenierung nützlich. Zum Beispiel hilft er uns bei administrativen Aufgaben wie beim Bustransfer des Publikums zum jeweiligen Ort oder springt in letzter Sekunde ein, wenn ein Akteur absagt. Wobei es ihm dennoch am liebsten ist, im Hintergrund zu bleiben. An dieser Stelle möchte ich ihm danken!