Kurzes, intensives Dasein für ein oder zwei Abende
Interview mit Florian Illichmann-Rajchl

 

Du hast vor Jahren einen recht umfangreichen Roman geschrieben. Wie ist dein Zugang zu deinen Texten bei „Literatur an anderen Orten“ im Vergleich dazu?
Ein Romanprojekt ist etwas wunderschönes. Es gibt eine erste Idee, Schlüsselcharaktere, einzelne Handlungsstränge, die auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft werden wollen. Ich sehe, dieses und jenes Bild gehört zusammen, aber ich weiß noch nicht wie. Ich lasse mir Zeit, um immer wieder zu überprüfen, ob die Geschichte noch lebendig ist, ob ich nicht gerade ein Stück Eleganz anklebe, das dann irgendwann doch nur wieder runterfällt. Für die Arbeit an einem Roman muss man einen guten Cocktail aus Vorsicht, Mut und Beständigkeit finden. Und man braucht Zeit und vor allem Geld, um sich die Zeit leisten zu können. Drei Mal in der Woche eine Stunde am Abend – das bringt nichts. Eine halbe Stunde schaue ich zur Einstimmung schon mal aus dem Fenster, bevor ich auch nur einen Satz geschrieben habe.
   „Literatur an anderen Orten“ fordert einen ganz anderen Zugang. Da ist ein Ort, eine Idee und ein Zeitplan. Die Botschaft muss kurz und eindeutig sein. Man darf sich nicht zu viel vornehmen. Der Text ist ja nur ein Aspekt des Events, manchmal denke ich, dass er sich idealerweise sogar darauf beschränken sollte, den Ort zu mehr Kontrast zu verhelfen. Aber die Verführung ist natürlich da, zu vielschichtig zu werden, diesen und jenen Gedanken auch noch mit hineinzunehmen.

Schriftsteller leiden oft an ihrer Einsamkeit. Ist die Arbeit bei „Literatur an anderen Orten“ eine gute Medizin dagegen?
Schon. Die Einsamkeit selbst ist oft Thema meiner Kurzgeschichten und spielt auch eine Rolle bei deren Entstehung. Ich trage Geschichten manchmal lange Zeit in meinem Kopf herum, bevor ich dann ein paar Stichworte mache, dann einige Sätze, dann ein Gerüst, dann sind sie irgendwann fertig und doch nicht fertig, weil ich sie immer wieder überarbeiten muss. Und wenn ich dann endlich bereit wäre, sie in Ruhe zu lasse, lassen sie mich nicht in Ruhe und fangen an mich zu quälen. Sie fragen mich, ob jemals ein Mensch sie so lesen und verstehen wird, wie sie von mir verstanden und geschaffen wurden.
   Diese Art von Einsamkeit kommt in der gemeinsamen Arbeit mit Autorenkollegen nicht auf. Aus Zeitmangel nicht, und weil die von uns verfassten Texte eine einfache und klar definierte Funktion im Hier und Jetzt haben: sie werden an „ihrem Ort“ gelesen, bzw. szenisch aufgeführt. Es gibt keine Erklärungen und kein „bitte ein zweites Mal vorlesen“.
   Dass Bücher für die Ewigkeit geschaffen sind, hat für mich nicht nur etwas erhabenes, sondern auch etwas beklemmendes. Ich stelle mir vor, wie sie in Schweinsleder gebunden, Jahrzehnte und Jahrhunderte Staub ansetzen. Dann verschwimmt auf beunruhigende Weise die Grenze zwischen unsterblich und untot, als wären die Emotionen, von denen sie erzählen, mit der Zeit zwischen den Buchdeckeln erstarrt. Wer liest diese Bücher, wann, wie oft und wo leben ihre Geschichten, wenn sie gerade keiner liest? Unsere Texte hingegen werden an Ort und Stelle geschlachtet und geopfert – sie haben ein kurzes und intensives Dasein für einen oder zwei Abende. Das ergibt Sinn für mich.

Kannst du uns etwas über deine Herangehensweise an ein Thema erzählen – zum Beispiel bei eurem letzten Projekt, die „Blaue Lagune“?
Die „Blaue Lagune“ hat Spaß gemacht. Wir sind erst einmal von einem Fertigteilhaus zum nächsten gepilgert, um uns „beeindrucken“ zu lassen. Jedes Haus hat ein ganz eigenes Flair, eine spezielle Atmosphäre gehabt und keines war bewohnt! Das geht, ich war selber erstaunt. Man kann doch tatsächlich ein fertiges, in sich stimmiges Lebensumfeld einkaufen und es als seinen persönlichen Ausdruck definieren und präsentieren – vorausgesetzt, man hat die Nerven dazu. Und man betrügt dabei auf charmante Weise sich selbst, seine Familie und sein ganzes soziales Umfeld. Das hat mir gefallen. Den Gedanken habe ich weiterverfolgt und zwei Szenen geschrieben.

Welche Autoren sind deine Vorbilder, welche sind Inspirationsquellen für dich?
Ich habe früher viele Autorenvorbilder gehabt und auch mehr gelesen als heute. Abgesehen von den Büchern, die ich wirklich geliebt habe, habe ich mich auch oft ziemlich überfressen, weil die Mindestmenge der Bücher, die man gelesen haben muss, unendlich groß ist und gleichzeitig immer größer wird. Reich-Ranicki-kompatibel bin ich trotzdem nie worden. Heute lese ich vielleicht zehn Bücher im Jahr und gehe fünf Mal ins Kino und fühle mich wohl dabei. Ich brauche viel Zeit, um zu verarbeiten. Ich denke auch über schlechte Filme noch wochenlang nach.
   Wir erwarten von Inspirationsquellen, dass sie uns inspirieren. Dabei ist es doch unsere Aufmerksamkeit, die Belangloses von Inspirierendem unterscheidet. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, auf einer einsamen Insel nur ein Mickey-Mouse-Heft dabeizuhaben. Was könnten wir aus jeder einzelnen Seite nicht alles herauslesen! Nach zehn Jahren und tausend Mal durchstudieren würden uns Erkenntnisse zuteil werden, die wir nie für möglich gehalten hätten. Im Ernst, jedes Comicheft könnte auf einem neubesiedelten Planeten zur Urzelle einer neuen Kultur werden, nur dadurch, dass man ihm seiner Exklusivität wegen die größtmögliche Aufmerksamkeit schenkt.

Welche Bedeutung hat das Schreiben für dich? Könntest du auch ohne Schreiben auskommen?
Also theoretisch schon. Ich könnte unter anderen Umständen auch Bildhauer sein oder Maler oder Extrembergsteiger. Aber das bin ich eben nicht. Ich habe mir das Schreiben nicht bewusst als Wahlfach genommen. Eher habe ich mit der Zeit die Erfahrung gemacht, dass man mit dem Schreiben ein „Irgendwas“ im Leben zu einem sinnvollen Ereignis werden lassen kann. Als Extrembergsteiger macht man vielleicht ähnliche Erfahrungen. Aber dazu würden mir wesentliche Vorraussetzungen fehlen.